Die Zeiten ändern sich – Sotschi 1972

Der trand in Sotschi

Der Strand in Sotschi

Sotschi ist als Austragungsort der Olympischen Winterspiele gerade in aller Munde. Und bei mir kommen die Erinnerungen zurück: Wir haben Sotschi 1972 besucht, mitten im Kalten Krieg als Nixon in USA und Breschnew in der Sowjetunion Präsidenten waren.

Wir, ein junges Paar Anfang 20, hatten eine private Urlaubsreise beim Deutschen Reisebüro (DER) gebucht um zu sehen wie die Menschen in Kommunismus leben. Wir besuchten Leningrad, wie es damals noch hieß, Moskau und Sotschi. Gut dass es die alten – jetzt eingescannten – Dias dazu gibt, die dabei helfen, sich zu erinnern.

Es war eine abenteuerliche Reise in ein Land in dem alle gleich sind, nur manche gleicher. Wir sahen die Schätze der Eremitage in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, besuchten den immer noch goldglänzenden Peterhof mit seinen Wasserspielen, sahen die Riesenschlange vor dem Lenin-Mausoleum in Moskau und die monumentalen Gebäude der Stalin Ära, besuchten das Kloster Sagorsk, in dieser Zeit erstaunlich, da die Religion in der Sowetunion keine Rolle mehr spielen sollte. Wir konnten uns relativ frei bewegen und sahen hautnah die Entbehrungen der Bevölkerung. Wir wurden im Hotel verpflegt und ich werde nie vergessen, dass es immer Ölsardinen gab und kein frisches Obst. Im Hotel gab es auf jedem Stockwerk eine Concierge, eine ehrfurchtgebietende russische Matrone, die alles bewachte, aber auch ein Leuchten in die Augen bekam, wenn wir ihr einen Lippenstift oder eine Strumpfhose zukommen ließen.

Das einzige, was man kaufen konnte, waren Kwas, was uns aber nicht schmeckte und мороженое, das schmackhafte russische Eis, das als frische Kugeln, meistens nur eine Sorte, auf der Straße verkauft wurde. Diesen Geschmack habe ich bei späteren Besuchen in Russland 2008 und 2010 leider nicht mehr gefunden. Apropos Essen und Geschmack: Oft bleibt ein Geruch oder ein Geschmack länger als alles andere in Erinnerung. Zum Beispiel auch die Verpflegung in einem riesengroßen, grandios stuckverziertem Speisesaal in Sotschi, wo es einen grünen Borschtsch mit hartgekochten Eiern gab, den ich hätte jeden Tag essen können.

Und der Geruch in der Sowjetunion: auch der war sehr speziell, ich kann nicht sagen, nach was es roch, es roch nur überall so: eine Komposition aus Reinigungsmittel und ja, eben Sowjetunion. Bei meinen späteren Besuchen in Russland gab es diesen Geruch nicht mehr, auch nicht in der Eremitage. Am Gebäude lag es nicht.

Und dann Sotschi: der erste Eindruck war, dass Moskau weit weg ist und das subtropische Klima das Land leichter und freundlicher machte. In Sotschi machten zu dieser Zeit vor allen Dingen verdiente Funktionäre aus der Sowjetunion und den Bruderstaaten Urlaub, Leute wie wir aus dem „feindlichen“ Ausland waren die absolute Ausnahme. Leute aus der DDR, die wir dort trafen, konnten sich überhaupt nicht vorstellen, dass jemand aus dem Westen freiwillig nach Sotschi reist, sie sahen uns als Kinder von bedeutenden Funktionären und verorteten uns nach Frankfurt/Oder.

Am öffentlichen Strandabschnitt in Sotschi gab es ein von uns nirgends auf der Welt wieder gesehenes Phänomen: Menschen stehen am Strand und drehen sich ab und zu der Sonne zu. Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Kiesel so groß waren, dass man auf einem Tuch nicht liegen konnte.

Sotschi hatte ganz deutlich den Charakter eines Badeortes mit gepflegten Anlagen, in Macesta, dem Kurort, sahen wir das bekannteste Sanatorium, vor dem zu der Zeit die obligatorische Lenin-Statue stand, die man auf neuen Fotos nicht mehr sieht.

In Sotschi hatten wir zwei junge Frauen, die die Reise betreuten und mit uns die Chance sahen, auf einem Ausflug in Richtung Adler und Krasjana Poljana, etwas Privates zu erledigen. So fuhren wir mit einem gemieteten Auto mit Fahrer nach Adler und in die Berge. Diese Fahrt folgte dem Tal des Flusses Msymta, wo heute für die Olympischen Winterspiele eine Autobahn hineingebaut wurde. Zu dieser Zeit waren Teile der Straße noch Piste, aber das Panorama des Kaukasus an der Grenze zu Georgien, war wild und sehr beeindruckend.

Ein einschneidendes Erlebnis war der Rückflug mit einer zweimotorigen Tupolew. Wir flogen mit einem Inlandsflug von Sotschi nach Moskau. Passagiere auf diesem Flug waren vorwiegend Russen, für die die Flüge in dieser Zeit sehr billig waren und Hühner!

Es wurden die mitgebrachten Speisen und Getränke ausgepackt, es ging laut zu und war unglaublich heiss, ein unvergleichlicher olfaktorischer Teppich entwickelte sich. Wir waren froh, dass keines der mitgebrachten Hühner geschlachtet und verzehrt wurde.

Die folgenden Fotos sind alle im Jahr 1972 gemacht und mit der hier beschriebenen Methode digitalisiert und in Lightroom bearbeitet.

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Strand in Adler

Strand in Adler – Die Brücke gibt es heute noch

Kurort Mazesta, Brunnen

Kurort Mazesta, Brunnen

Kurort Mazesta

Kurort Mazesta mit Lenin-Statue

Auf dem Weg nach Krasnaja Poljana, ein Gebirgsdorf in der Region Krasnodar.

Auf dem Weg nach Krasnaja Poljana, Oblast Krasnodar.

 Im Tal der Msymta

Im Tal der Msymta

Rast an einem Brunnen bei einer brücke über die  Msymta.

Rast an einem Brunnen bei einer Brücke über die Msymta.

Bootsfahrt auf einem Stausee  im Tal der Msymta.

Bootsfahrt auf einem Stausee im Tal der Msymta.

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Ein Gedanke zu „Die Zeiten ändern sich – Sotschi 1972

  1. Hallo, herzlichen Dank für diesen wunderhübschen Beitrag. Ich liebe Sotschi mit seiner Architektur, der grünen Landschaft und der einzigartigen Atmosphäre. Es war meine erste Reise 1985 als junges Mädchen aus der DDR und 2006 habe ich mir diesen Wunsch noch einmal erfüllt, auch weil uns 20 Jahre zuvor einiges verwehrt war schon da wir nicht das richtige Geld in der Hand hatten. Kennen Sie noch dieses riesengroße, beeindruckende Macesta-Monument aus Felsenstein in Form eines Frauengesichtes an der Autostraße von Adler nach Sotschi? Diese Foto-Serie habe ich noch und hier ist es mit dabei: http://www.sputnik-travel-berlin.de/postkarten_sochi_1981.php Wir haben es 2006 nicht mehr wiedergefunden, nur einen winzigkleinen Brunnen. Es wird es wohl nicht mehr geben. Wie sich alles nach 2014 entwickelt haben mag, ob der Ort weiterhin sein vieles Grün erhalten konnte, würde mich interessieren.
    Viele Grüße! Uta

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