Erfahrungsbericht ON1 Photo RAW 2018-1

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Schon 2007 bin ich auf Adobe Lightroom gestoßen und habe damit bis Ende 2016 meine Fotos entwickelt. Durch die ständigen Ergänzungen, die Weiterentwicklungen und das Lesen von weiterführende Literatur zum Thema sind meine Fähigkeiten und Möglichkeiten, mit der Software meine Bilder nach Wunsch zu bearbeiten, immer besser geworden. Dennoch wurde ich mit der Software nicht mehr richtig zufrieden. In vielen Fällen, in denen ich etwas Besonderes am Bild machen wollte, musste ich über Photoshop und die nötige PS-Datei Lightroom und seiner nicht-destruktive Möglichkeiten der Bildbearbeitung verlassen.

Zuvor hatte ich auch schon die Software von ON1 – die damals noch keine RAW Dateien verarbeiten konnte – als Add-on zu Lightroom ausprobiert und war damit sehr zufrieden, obwohl auch dies den Umweg über eine PS-Datei erfordert hat.

Den letzten Anstoß für eine Umstellung meiner Software hat dann das neu eingeführte Mietmodell bei Adobe gegeben. Grundsätzlich hatte ich keine Einwände dagegen, jedes Jahr neue Updates der Software zu bezahlen, um so die Neuerungen ständig zu erhalten. Gestört hat mich bei dem Modell jedoch, dass, wenn ich mein Abo kündige, ich die Software überhaupt nicht mehr benutzen kann.

(Der Artikel ist ebenfalls erschienen in „Fotoespresso“ Ausgabe 2-2018. Zur Webseite von Fotoespresso geht es hier. Ein Besuch dort lohnt sich! Es gibt auf der Webseite und im Magazin viele nützliche Fototipps und Informationen für Fotografen.)

Kurz darauf war dann auch die erste Testversion von ON1 Photo RAW 2016 verfügbar. Die ersten Tests damit haben mich überzeugt. Das Potenzial der neuen Software hat mich bisher nicht enttäuscht. Das Produkt wurde in den letzten Jahren nahezu alle drei Monate mit neuen Features versehen, Fehler beseitigt und viele Erweiterungen hinzugefügt, die letztlich im März 2018 zu einer Version geführt haben, die nur noch wenige Wünsche offenlässt.

Die Einarbeitung

Die Umstellung von Lightroom auf ON1 Photo RAW war für mich nicht schwierig. Mir war klar, dass ich alle Entwicklungseinstellungen der bereits bearbeiteten Fotos aus Lightroom verlieren würde. Ich hatte aber mit diesen Entwicklungen jeweils JPEG Dateien in den Originalgrößen exportiert und somit nicht wirklich irgendetwas verloren. Die Bewertungen meiner Fotos mit einem bis fünf Sternen, die Farbmarkierungen für die Einordnung in Gruppen konnte ich über den Export in xmp-Dateien zu ON1 Photo RAW einfach übertragen. Ein kleiner Nachteil war, dass bei dem Übergang von Lightroom die Zuordnung von meinen Fotos in Alben verloren ging.

Heute bietet ON1 ein Tool zum Umstieg von Lightroom auf ON1 Photo-RAW, das 2016 noch nicht verfügbar war. Entwicklungseinstellungen werden wegen ihrer proprietären Art allerdings auch hier nicht übernommen.

Der Verlust der Entwicklungseinstellungen hat mich kaum gestört, da ich eigentlich immer wieder, wenn ich ein Foto neu gebrauche, neu exportiere, es auch neu entwickle. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich in Bezug auf die Möglichkeiten der Bildbearbeitung immer hinzugelernt habe und dass sich mein Geschmack für das, was ich als gutes Endprodukt betrachte, über die Zeit auch ständig geändert hat.

Für mich hat es ca. einen Monat gedauert, bis alle meine nahezu 250.000 Fotos in der Bibliothek von ON1 Photo RAW wieder in einem gleichen Zustand waren, wie ich ihn von Lightroom kannte. Den Umstieg habe ich bisher nicht bereut, trotz einiger Frustrationen, über die ich im Folgenden berichten möchte.

Für jemand der die Bedienung von Lightroom beherrscht, ist der Umstieg auf ON1 Photo RAW in keiner Weise schwierig. Die Bedienelemente sind ähnlich angeordnet und die Schieberegler haben fast identische Bezeichnungen. Einzig schwierig wird es, für Menschen die die englischen Begriffe der Bildbearbeitung nicht kennen, denn die Software ist leider nicht in Deutsch verfügbar.

Nach meinen bisherigen Erkenntnissen und Erfahrungen aus der Diskussion in den ON1 Foren wird es in absehbarer Zeit auch keine deutsche Version der Software geben. Die Firma ist einfach zu klein, eine solche Aufgabe zu stemmen und eine mehrsprachige Software permanent zu pflegen.

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Die Schieberegler für Tonwerte und Farbe im Modul
›Develop‹ auf der rechten Bildschirmseite. Eine vergleichbare Anordnung gibt es bei Lightroom.

Ich denke aber, dass es für den ambitionierten Fotografen kein Hindernis ist, sich die wenigen, und wichtigsten Fachbegriffe in Englisch anzueignen. Wenn man diesen Schritt geschafft hat, ist die Arbeit mit ON1 Photo RAW ein wahres Vergnügen.

Im Gegensatz zu Lightroom muss man seine Fotos nicht zuerst in einen Katalog importieren, sondern kann sie einfach von der Speicherkarte der Kamera in ein geeignetes Verzeichnis auf dem PC kopieren. Von dort aus kann man die Fotos, die bearbeitet werden sollen, mit dem Modul „Browse“ auswählen und markieren. Dann werden sie im Modul „Develop“ in Bezug auf Tonwert und Weißabgleich entwickelt. Zuletzt hat man die Möglichkeit, mit dem Modul „Effects“ dem Foto unzählige besondere Effekte – auch mit dem Einsatz von Masken – hinzuzufügen. Wenn man noch mehr machen will, wie mehrere Bilder ineinander kopieren, Hintergründe entfernen und vieles mehr – genau genommen das meiste, was auch in Photoshop geht – kann man ganz zum Schluss in das Modul „Layers“ wechseln umso einem Foto den allerletzten Schliff zu geben.

All das habe ich sehr schnell gelernt, und wenn ich einmal nicht weiterwusste oder auch nur Neues hinzulernen wollte, haben mir die auf der ON1 Webseite verfügbaren Lernvideos und Bedienungsanleitungen zur Software sehr viel geholfen. Hier zeigen die Experten von ON1 und unterschiedliche, sehr erfahrener Fotografen, wie man die Software für bestimmte Motive und Aufnahmesituationen besser nutzen gelernt. Auch hier gilt leider die Einschränkung, dass diese hervorragend gemachten Videos nur nutzen kann, wer der englischen Sprache in einer solchen Situation gut folgen kann.

Die vielen Fehler

Zu der ganzen Wahrheit über die Software gehört allerdings auch, dass es bei den ersten Versionen einige Fehler gab, von denen ich geglaubt habe, dass sie in einer kommerziell verfügbaren Software eigentlich nichts zu suchen haben.

Dazu gehörte, dass bei der Einführung von neuen Features plötzlich Dinge, die vorher funktioniert hatten, nicht mehr funktionierten. Sehr frustrierend war schon zum Beispiel, dass eine Retusche die ich am Foto vorgenommen hatte und die am Monitor angezeigt wurde, nicht oder auch falsch in den Export als JPEG Datei übernommen wurde. Auch war plötzlich eine zu Beginn sehr hohe Arbeitsgeschwindigkeit mit einer neuen Version verschwunden.

Glücklicherweise wurden die Fehler in kurzen Zyklen und in guter Kommunikation über das Anwenderforum oder auch direkt mit den Entwicklern recht schnell beseitigt.

Die Software in der Version 2018-1

On1 hat einen klaren Update-Zyklus bei der Software: am Ende eines jeweiligen Jahres erscheint eine neue Version mit der Jahreszahl des Folgejahres im Namen. Ende 2017 erschien also die Version 2018.im Laufe eines Jahres erscheinen 4-6 Updates dieser Version, die dann 2018-1, -2 usw. genannt werden. Das Update am Ende eines Jahres ist kostenpflichtig und die Updates im Laufe eines Jahres sind inklusive. Die Software ist eine Kaufsoftware, das bedeutet, wenn man bei einer bestimmten Version bleiben will, behält man den Zustand, wie er dann eben ist.

Wenn man nicht jedes Mal neu entscheiden will, ob man ein Update braucht, und ihn dann neu bestellt, kann man auch ein permanentes Abonnement kaufen, das gleichzeitig noch die Mitgliedschaft bei ON1 Plus sichert. Mit dieser Mitgliedschaft erwirbt man sich das Recht zusätzliche Trainingsvideos und Videos zu allgemeinen Themen der Fotografie auf der Webseite von ON1 anzuschauen. Dieses Abo habe ich gewählt, bietet mir ist doch den besten Gegenwert. Unter anderem gibt es auch einen Support mit Priorität.

Wenn man den Leistungsumfang der Version 2018-1 mit Lightroom in der jetzigen Version vergleicht, ist es einfacher zu beschreiben, was diese Version heute noch nicht kann.

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Die sehr einfach gestaltete perspektivische Entzerrung ist nicht gerade komfortabel gelöst und nur für einfache Korrekturen zu gebrauchen.

Schmerzlich vermisse ich die Möglichkeiten der perspektivischen Entzerrung. Im Prinzip funktioniert es mit ON1 Photo RAW auch, allerdings eher so wie es bei Lightroom der Version 4 funktioniert hatte. Es stehen Regler für die horizontale- und vertikale Entzerrung und einer für dass Drehen des Bildes zu Verfügung. Damit muss man jonglieren bis das Ergebnis den Erwartungen entspricht. Das Foto muss dann nachträglich noch beschnitten werden. Eine Möglichkeit bestimmte Linien automatisch parallel senkrecht oder gar ein beliebiges Rechteck rechtwinklig zu entzerren, gibt es leider noch nicht.

Alle anderen Abweichungen im Leistungsumfang sind nach meinem Empfinden eher Kleinigkeiten mit denen ich leben kann. In Lightroom zum Beispiel kann man Sammlungen (bei ON1 Photo RAW heißt das Alben) in einer Hierarchie mit mehreren Ebenen anlegen. ON1 Photo RAW geht es nicht, ist aber für spätere Versionen vorgesehen.

Viele Dinge die ich bei Lightroom wenig oder gar nicht genutzt habe gibt es bei ON1 Photo RAW noch nicht. Dazu gehören das Erstellen einer Diaschau, die Ausgabe der Bilder auf eine Webseite und ein vielfältiges, komfortables Drucken von Fotos.

Den Leistungsumfang von ON1 Photo RAW möchte ich beschreiben, in dem ich meine Arbeitsweise mit der Software erkläre.

Der Workflow

diese Herangehensweise an meine Fotos habe ich aus einem Video des amerikanischen Fotografen Blake Rudis, das es auf der Webseite von On1 und bei  YouTube zu sehen gibt. Für mich habe ich die drei Schritte Tonwertkorrektur, Farbkorrektur und Effekte noch durch zwei vorangestellte Arbeitsschritte nämlich die Auswahl der Bilder und die Verbesserung der Komposition ergänzt.

Auswahl und Bewertung von Fotos

Die Bildbearbeitung beginnt bei mir mit der Übertragung der Fotos aus der Speicherkarte der Kamera auf einen Fileserver. ON1 Photo RAW bietet dafür die Möglichkeit des Imports. Über das Menü „File/Import“ im Modul „Browse“ wird ähnlich wie Lightroom-Nutzer es kennen ein neues Fenster geöffnet indem man die Dateien der Speicherkarte in einer Vorschau angezeigt bekommt und auswählen kann, welche Fotos auf die Festplatte übertragen werden sollen. Dabei gibt es die Möglichkeit die Fotos vielfältig umzubenennen, Ihnen Standard Metadaten zuzuordnen und sie während des Imports mit einer Entwicklungseinstellung zu bearbeiten. Das Ganze geht sehr schnell, weil die Bilder lediglich auf die Festplatte übertragen werden müssen.

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Das Fenster für den Import der Fotos von der Speicherkarte. Hier kann man auswählen, welche anderen Aktionen neben der Kopie auf die Festplatte im Rechner noch durchgeführt werden sollen.

In den Voreinstellungen der Software kann man auswählen, ob ein sogenannter Sidecar-File im proprietären Format .on1 angelegt wird, sobald das Foto verändert wird. Die Nutzung dieser Datei ist unbedingt empfehlenswert. Mit ihr werden alle Entwicklungseinstellungen gespeichert und gesichert. Sie erlaubt den Zugriff auf die gleiche Datei von einem anderen Rechner wobei gleichzeitig die Bildbearbeitung zu sehen ist. Bei Lightroom war das immer etwas komplizierter.

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Die Darstellung der Fotos im Modul Browse wie auf einem Leuchttisch. Am linken Bildrand der Verzeichnisbaum des PCs und rechts die EXIF oder ITPC Daten des Fotos, das gerade ausgewählt ist. Hier kann man sortieren, löschen, kopieren, eine zweite Version anlegen und die Fotos bewerten.

Im nächsten Schritt sortiere und bewerte ich meine Bilder. Dazu bietet das Modul „Browse“ verschiedene Möglichkeiten der Voransicht. Ich nutze meist den sogenannten Filmstreifen im unteren Bildschirmbereich mit einer gleichzeitig großen Vorschau des jeweiligen ausgewählten Fotos. Die Bilder können schnell zum Löschen markiert und mit Bewertungen oder Farbmarkierungen versehen werden.

Wenn man während des Imports bestimmte Voreinstellungen für die Entwicklung der Fotos noch nicht vorgenommen hat, geht das im „Browse“-Modul noch sehr schnell über eine Vorschau auszuwählen und anzuwenden.

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Die Vorschau mit dem Filmstreifen erlaubt das schnelle Auswählen von Fotos bei gleichzeitiger Begutachtung von Schärfe und Komposition besser als in der Übersicht am Leuchttisch.

Komposition

Im nächsten Schritt entscheide ich, welche Fotos ich intensiver bearbeiten möchte. Dabei kümmere ich mich zuerst um die Komposition des Fotos. Dazu zählen Dinge wie den Horizont gerade zu richten der bei mir meist schief ist, den Bildausschnitt zu wählen, das Bild bewusst zu drehen, wenn es nötig wird und das Beseitigen von störenden Bildteilen mit dem Korrekturpinsel.

Tonwerte

Danach widme ich mich den Tonwerten im Foto. Das geschieht im Modul „Develop“. Die korrekte Belichtung überprüfe ich mit dem Histogramm und nutze es auch zum Abgleich von Tiefen und Lichtern im Foto wie auch dem Weiß- und Schwarzwert im Bild. Eher selten nutze ich die Möglichkeit den Kontrast zu verändern.

Neben der Bearbeitung der Tonwerte bietet das Modul „Develop“ noch die Möglichkeit der Bildschärfung, der Rauschreduzierung und eine automatische Korrektur von Objektivfehlern. An dieser Stelle ist auch die oben bereits angesprochene perspektivische Verzerrung untergebracht. Sie ist nicht besonders komfortabel gelöst. (Ich nutze dafür meist am Ende der Bildbearbeitung DxO Viewpoint bis ähnliches einmal von ON1 Photo RAW geliefert wird.)

Etwas versteckt sind in diesem Modul auch die Möglichkeiten der Schwarzweißumwandlung, einer gezielten Farbkorrektur, die Retusche von Hauttönen und mehr. Alle diese Möglichkeiten nutze ich an dieser Stelle nicht, sondern wenn ich sie brauche, mache ich das im Modul „Effects“, weil der Einsatz dieser Korrekturmöglichkeiten hier auch in Kombination mit der Maskierung von Bildteilen funktioniert.

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Die Möglichkeiten der Bildbearbeitung im Modul Develop

Farbe

Nachdem das Foto in seinen Tonwerten stimmt schaue ich mir die Farbgebung an und hier ganz besonders den Weißabgleich. An dieser Stelle versuche ich dem Bild bereits eine bestimmte Farbstimmung zu geben bzw. die Farbstimmung zu erzeugen, die im Moment der Aufnahme vorhanden war. Weitere Farbkorrekturen nehme ich an dieser Stelle nicht vor.

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Für den Weißabgleich kann man mit der Pipette
eine Stelle im Bild auswählen, die weiß war oder sein soll.
Ich mache das meist nach persönlichem Geschmack und
Farbstimmung, die das Foto erhalten soll.

Effekte

Das Modul „Effects“ gehört zu den leistungsfähigsten und umfangreichsten Teilen der Software. Hier gibt es 23 unterschiedliche Effekte, die man ein Bild hinzufügen kann. Für alle Effekte gibt es unterschiedliche Überblendungsoptionen und deren Anwendung auf Teilbereiche des Bildes über Masken. Zahlreiche Voreinstellungen für die Effekte erleichtern die Arbeit damit, gleichzeitig reduzieren sie aber auch eigene künstlerische Kreativität, wenn man sich nur auf die vorgegebenen Einstellungen beschränkt und sie in ihrem jeweiligen Standard nutzt. Man unterliegt dann schnell der Versuchung das Ergebnis der Voreinstellung so zu akzeptieren wie es ist, ohne selbst mit den Möglichkeiten des Effekts zu experimentieren.

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In ON1 steht dem Anwender eine Reihe von Effekten zur Auswahl, um das Foto nach eigenen Wünschen anzupassen

Wie vorher schon bei der grundsätzlichen Bearbeitung von Fotos, kann man das Hinzufügen von Effekten in die Bereiche Tonwert und Farbe aufteilen und zusätzlich mit einer Gruppe von künstlerischen Effekten ergänzen.

Zu den Effekten, die Einfluss auf die Tonwerte des Bildes haben gehört hier die Schwarzweißumwandlung, der dynamische Kontrast, ein HDR-Look, eine Vignette, und eine allgemeine Tonwertkorrektur, die ähnlich arbeitet wie die Korrektur in dem Modul „Develop“. Der dynamische Kontrast und die Vignette gehören zu den beiden Effekten die fast bei jedem Foto einsetze. Hierbei nutze ich auch die Möglichkeit die Wirkung des Effects über eine Luminosity-Maske (hierbei wird die Bildhelligkeit in Grauwerten dargestellt) zu beeinflussen und zu steuern.

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Die Regler für den Effekt ›Dynamic Contrast‹

Für die Farbeffekte steht eine Auswahl von Farbfiltern zur Verfügung, „Split Tone“ – eine Tonteilung mit unterschiedlichen Einfärbung des Bildes und die Crossentwicklung (Umkehrentwicklung) zur Verfügung. Schöne Effekte erreicht man auch mit „Sunshine“. Hier kann man Bildteile oder ein ganzes Foto so verändern, als ob die Sonne etwas mehr Licht in das Bild gebracht hat. Den Effekt den ich hier am häufigsten anwende ist die gezielte Beeinflussung einzelner Farben in ihrer Helligkeit, Farbwert und Sättigung über den Effekt „Color Enhancer“.

Die Bildbearbeitung mit ON1 Photo RAW hat ihren größten Reiz bei dem Einsatz der künstlerischen Effekte. Viele dieser Effekte kann man mit Lightroom nicht oder nur schwierig erzeugen. In ON1 Photo RAW geht das ohne den Umweg über Photoshop und eine PS Datei zerstörungsfrei an der RAW Datei. Von den acht angebotenen Effekten nutze ich häufig die Möglichkeit den Fotos insgesamt oder über Masken gesteuert Unschärfen (Blur, Lens Blur) und Überstrahlung (Glow) hinzuzufügen. Noch mehr nutze ich einen der besten Effekte, nämlich das Hinzufügen von Texturen zu Fotos. Dieser Effekt bietet eine einfache und zerstörungsfreie Methode Hintergründe in Fotos auszutauschen, meist nutze ich das für einen interessanteren Himmel oder bei Studioaufnahmen für einen geeigneten Bildhintergrund. Die erzielbaren künstlerischen Effekte mit den Texturen, die standardmäßig in der Software enthalten sind oder die man von anderen Quellen zusätzlich erwerben kann sind nahezu unbegrenzt. Lernen musste ich hier, dass es sehr schnell passiert die Effekte zu übertreiben und so ein Foto eher verschlechtert als verbessert wird.

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Mit dem Effekt Texturen kann man Fotos ein komplett verändertes Aussehen verleihen und sehr kreativ damit umgehen. Den Einsatzmöglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt. Ein Experte auf diesem Gebiet ist Dough Landreth von Photomorphis.

Lokale Anpassungen am Foto

Die bisher erwähnten Bearbeitungsschritte wirken mehr oder weniger auf das ganze Foto, es sei denn man nutzt die Möglichkeit der Maskierung. ON1 Photo RAW bietet über diese Möglichkeiten hinaus noch eine lokale Anpassung mit Pinsel und Verläufen.

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Lokale Anpassungen ermöglichen die gezielte Bildbearbeitung einzelner Bereiche im
Foto. Im Beispiel wird der linke Bereich abgedunkelt. Die Maske kann man rot darstellen oder die Anzeige auch ganz abschalten, was ich meist mache.

Dieses Werkzeug steht sowohl im Modul „Develop“ als auch bei „Effects“ zur Verfügung. Für Pinsel und Verlauf kann man jeweils die Deckkraft – und damit die Wirkung im Foto –, die Härte – und damit die Art der Pinselkante – verändern. Für den Pinsel selbst kann man dann die Helligkeit, den Kontrast den Einfluss auf Lichter und Tiefen, die Farbtemperatur, den Farbton, die Sättigung und die Lebendigkeit der Farbe beeinflussen. Darüber hinaus ist der Pinsel oder Verlauf auch geeignet die Detailschärfe – zur Hervorhebung oder Abschwächung einer Struktur – und das Rauschen im Bild zu beeinflussen. Insgesamt ist dies ein Werkzeug, das richtig eingesetzt einem Foto noch den letzten Schliff verpassen kann.

Erwähnen sollte ich noch, dass im Modul Browse für jedes Foto eine oder mehrere zusätzlichen virtuellen Kopien – ON1 nennt das Versionen – erzeugt werden können. Das erlaubt das Experimentieren mit unterschiedlichen Bearbeitungen am gleichen Foto. Die unterschiedlichen Versionen sowie andere Bilder auch, kann man sich nebeneinander anzeigen lassen und unmittelbar vergleichen.

Was sonst noch geht

Noch nicht erwähnt sind die Pinsel-Werkzeuge mit denen man in den Masken je nach Einstellung und Bedarf hinein- und heraus malen kann. Ebenfalls gibt es einen Kopierstempel, der hervorragend funktioniert und zwei Typen von Pinseln für die Korrektur von Schmutz auf dem Sensor oder unerwünschten Flecken und stellen im Bild.

Weiterhin bietet ON1 Photo RAW die Möglichkeit eine Serie von Fotos mit unterschiedlichen Belichtungen zu einem HDR-Bild zusammenzufügen und das Erstellen von Panoramen. Auch kann man einzelne Fotos an eine andere Anwendung zur weiteren Bearbeitung weiterleiten. Dabei wird – je nach Voreinstellung – eine JPEG, PS oder TIFF Datei mit den bereits durchgeführten Entwicklungseinstellungen als Kopie erstellt und dann an das andere Programm übergeben. Ich nutze diese Möglichkeit häufig, wenn es um perspektivische Entzerrung geht.

Für Fotografen die häufig im Studio arbeiten bietet ON1 Photo RAW jetzt auch das Tethered Shooting („kabelgebundenes Fotografieren“) an. Es funktioniert allerdings zurzeit nur mit Nikon oder Canon Kameras. Dabei hat man die gleichen Möglichkeiten, wie sie beim Import von Fotos zur Verfügung stehen.

Der Katalog

auch ON1 Photo RAW nutzt einen Katalog zum schnellen Durchsuchen der Bibliothek und zum Speichern der Entwicklungsdaten. Hat ein Nutzer die Option der Sidecar-Files nicht ausgewählt sind alle Entwicklungsdaten nur im Katalog gespeichert. Vom Katalog wird bei jedem Programm Ende eine Sicherung angelegt und bis zu drei Sicherungen gespeichert. Sollte durch einen Programmabsturz der Katalog nicht mehr zu lesen sein greift das Programm automatisch auf eine Sicherung zurück.

Ich empfehle allerdings unbedingt die Möglichkeit der Speicherung der Entwicklungseinstellungen in den Sidecar-Files zu nutzen.

Über die Standardfunktion des Katalogs zum Speichern der Entwicklungsdaten bietet er zusätzlich die Möglichkeit bestimmte Verzeichnisse oder auch die gesamte Bildersammlung zu indizieren. Dabei werden im Hintergrund ständig alle Verzeichnisse beobachtet und Änderungen aktualisiert. Gleichzeitig werden im Katalog die Vorschaubilder in unterschiedlichen Größen gespeichert. Dadurch erreicht man eine sehr schnelle Darstellung der Vorschauen. Die Arbeitsgeschwindigkeit kann so erheblich gesteigert werden. Empfehlenswert ist es allerdings, in einem solchen Fall den Katalog auf eine zweite Festplatte im Computer auszulagern, nicht zuletzt wegen der möglichen Gesamtgröße des Katalogs.

Der Einsatz eines indizierten Kataloges ermöglicht auch – und nur so geht es – das Durchsuchen aller Bilder auf dem Rechner nach allen möglichen Kriterien der Metadaten, Stichworten und der eigenen Bildbewertung wie Sternen oder Farbmarkierungen.

Und noch mehr

Eine nützliche Zugabe zu der Software ist das Modul „Resize“, dass sich hin und wieder Nutze und das sehr gute Dienste leistet, wenn man bestimmte Fotos nur in einem kleinen Format besitzt und sie für welchen Zweck auch immer sehr ausgedruckt oder angezeigt werden sollen.

Bisher unerwähnt ist das Modul „Layers“. Layers bietet zusätzlich vieles, dass auch Adobe Photoshop kann. Hier verlässt man allerdings das zerstörungsfreie Bearbeiten der Rohbilder. Es wird je nach Voreinstellungen eine PS- oder TIFF-Datei an das Modul übergeben mit der dann weitergearbeitet wird. Über beliebig viele Ebenen kann man hier Bilder kombinieren und bearbeiten.

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Das Modul Layers bietet das meiste, was auch Adobe Photoshop kann und ein bisschen weniger.

Dieses Modul nutze ich sehr selten. Für meine Art Bilder zu bearbeiten und zu entwickeln genügen mir meist die vorher beschriebenen Module. Der Plan der Entwickler bei ON1 ist es, in späteren Versionen der Software auch dieses Modul „zerstörungsfrei“ zu gestalten. Vermutlich werde ich mir es dann etwas näher anschauen und auch mehr damit arbeiten.

Ich glaube ohnehin, dass das intensive Nutzen von Ebenen, verschiedenen Überblendungsmodi und alle Stärken von Adobe Photoshop von ON1 Photo RAW noch nicht erreicht werden und vermutlich gar nicht erreicht werden sollen. Das primäre Ziel ist es, eine Alternative zu Lightroom zu sein, die nach meinem Empfinden für 95% der Fotografen genügt. Für die restlichen 5% Bildbearbeitungsprofis ist sicher Photoshop das bessere Werkzeug.

Exportieren

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Das Fenster für den Datei-Export bietet verschiedene
Einstellungen und Vorgaben.

Wenn jetzt die Bildbearbeitung abgeschlossen ist kann man das Foto über das Exportmodul in eine JPEG, TIF, Photoshop oder PNG Datei umwandeln. Beim Exportieren kann man gleichzeitig die Bildgröße bestimmen, den Speicherort festlegen und einen eigenen Dateinamen für den Export vergeben. Für unterschiedliche Exporteinstellungen habe ich mir verschiedene Voreinstellungen gespeichert, die ich bei Bedarf abrufen kann.

Nach dem Export hat man je nach Voreinstellung die Möglichkeit das exportierte Foto im Datei Explorer anzuzeigen und dann sofort für den vorgesehenen Zweck zu verwenden.

Schade ist, dass der Dateiexport – bei dem man natürlich auch eine größere Anzahl von Fotos gleichzeitig zum Exportieren auswählen kann – nicht im Hintergrund abläuft. ON1 Photo RAW bleibt hier bei einer großen Anzahl Fotos zum Exportieren eine Zeit lang nicht benutzbar.

Fazit

ON1 Photo RAW 2018-1 ist für mich ein vollwertiger Lightroom Ersatz. Ich selbst komme damit besser zurecht als mit Lightroom. Die Eingewöhnungszeit war kurz, der Abschied von Lightroom war für mich nicht schmerzhaft. Für ON1 wird es dennoch schwer sein, den deutschsprachigen Markt zu erobern. Die Sprachhürde ist bei der Anwendung der Software nicht zu unterschätzen. Die Software hat mit der jetzigen Version einen sehr guten Standard erreicht mit einem hohen Potenzial für weitere neue Features und Verbesserungen. Dennoch bleibt die Software von Adobe mit Lightroom und Photoshop noch für längere Zeit der Standard an dem sich alle anderen messen lassen müssen. Wer mit dem Mietmodell von Adobe nicht glücklich wird, wer Lightroom mag aber Photoshop nicht braucht, sollte sich ON1 Photo RAW einmal anschauen.

 

 

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Ein Gedanke zu „Erfahrungsbericht ON1 Photo RAW 2018-1

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