Das Versagen des Risikomanagements

Der neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 hat Deutschland getroffen und es wurden von der Regierung einschneidende Maßnahmen zur Eindämmung der Folgen ergriffen.

Die relativ guten Zahlen, die Deutschland in der Krise vorweisen kann, als das Ergebnis einer besonnenen Reaktion, zeigen wohl, dass unser Gesundheitssystem nicht so schlecht ist wie in vielen anderen Regionen der Welt. Dennoch überrascht, wie wenig man bei der Kenntnis des weiter unten beschriebenen Szenarios auf ein solches vorbereitet war.

Auch sind die berichteten Zahlen nicht besonders aussagekräftig. Sie sind immer nur eine Momentaufnahme und zeigen nur das Ergebnis der Tests an. Die Tests folgen der Nachfrage der vornehmlichen Infizierten und geben damit keinerlei Anhaltspunkt über den tatsächlichen Anteil der Infizierten in der Bevölkerung. Wenn man an die Methoden an die Berechnung von Trends bei Wahlen denkt, ist es unverständlich diese Methodik nicht in der jetzigen Krise angewandt werden. Es gibt bisher keine Testung einer repräsentativen Gruppe, sondern nur Zahlen die im Wesentlichen vom Zufall abhängen: Wer wird getestet, wer nicht.

Was zur Bewertung der Zahlen fehlt, ist die Anzahl der durchgeführten Tests und damit die Relation zu den Ansteckungen. Einzig die Zahl der Todesfälle kann man in Relation zu der Gesamtbevölkerung betrachten und dann in Relation zu den Zahlen wie viele Menschen täglich auch ohne den Corona-Virus sterben, nicht aber in Relation zu den getesteten Fällen. Nicht zu erkennen ist, ob die Menschen mit dem Corona-Virus gestorben sind oder durch den Virus. So gesehen sind sie eine schwache Basis für zukünftige Entscheidungen.

Nun ist auch mitten in der Krise die Frage zu stellen, ob die ergriffenen Maßnahmen zielführend sind und eine ausreichende Vorsorge für den Pandemiefall getroffen worden ist. Daran gibt es zumindest wie im Folgenden dargelegt berechtigte Zweifel.

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Im Protokoll der 247. Sitzung des Deutschen Bundetages am 14.6.2012 wurde folgendes vermerkt: „Die Vorsitzenden der folgenden Ausschüsse haben mitgeteilt, dass der Ausschuss gemäß § 80 Absatz 3 Satz 2 der Geschäftsordnung von einer Berichterstattung zu den nachstehenden Vorlagen absieht: . Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012 – Drucksachen 17/12051, 17/12238 Nr. 1.6 .“

Diese Drucksache kann man hier einsehen: https://pdok.bundestag.de/index.php?qsafe=&aload=off&q=17%2F12051&x=0&y=0&df=07.09.1949&dt=28.03.2020

Ab Seite 55 ist das Szenario einer Corona-Pandemie im Detail beschrieben. Die dort geschilderte Situation ist dem jetzt eingetreten Fall zum Verwechseln ähnlich. Ihr folgt eine Bewertung der Risken. Was im Detail danach mit diesem Dokument geschehen ist, bleibt unklar.

Auf jeden Fall klingt alles erst einmal nach „abgelegt und vergessen“.

Nach einem guten Start wurde nicht weiter gemacht und jetzt hat man ein Problem. Gutes Risikomanagement soll dafür sorgen, dass Probleme erst gar nicht auftreten. Der Lieblingssatz dazu ist: „Ein Problem ist ein Risiko, das wir übersehen haben.“ Risikomanagement ist der bewusste Umgang mit Risiken bzw. Unsicherheiten. Man weiß etwas könnte geschehen, aber man weiß nicht wann und ob wirklich.

Risikomanagement führt dazu, Maßnahmen zu planen, die Probleme verhindern, zumindest aber reduzieren können. Dann aber tatsächlich zu tun, was man sich vorgenommen hat, besonders wenn es um die Risikobewältigung geht, ist nicht immer einfach. Risikobewältigung kann eine Beseitigung der Bedrohung, die Vermeidung sein, eine Übertragung auf andere, eine Entschärfung durch Reduzierung Eintrittswahrscheinlichkeit und/oder Reduzierung der Auswirkungen eines Risikoeintritts (Minderung) oder seine bewusste Akzeptanz.

Das Dilemma des Risikomanagements wird mit folgenden Tatsachen deutlich:

  • Wenn man nicht macht, was man sich zur Verhinderung eines Problems ausgedacht hat, und das Problem tritt nicht ein, hat man Geld und Zeit gespart.
  • Wenn man nicht macht, was man sich zur Verhinderung eines Problems ausgedacht hat und das Problem tritt dann tatsächlich ein, kann das viel mehr Geld und Zeit kosten als eine Risikobewältigungsmaßnahme.
  • Wenn man macht, was man sich zur Verhinderung eines Problems ausgedacht hatte und es ist gelungen, damit ein Problem zu verhindern, hat man, wenn die Bewältigungsmaßnahme preiswerter war als der Schaden, der hätte entstehen können, sehr viel Geld und Zeit gespart.
  • Wenn man macht, was man sich zur Verhinderung eines Problems ausgedacht hat und das Problem dann nicht eintritt, dann weiß man leider immer noch nicht, ob das Problem nicht eingetreten ist, weil die Risikobewältigungsmaßnahme dafür gesorgt hat oder ob es auch ohne diese Maßnahme nicht eingetreten wäre.

Keiner weiß, was in der Zukunft passieren wird, aber es ist gut darauf vorbereitet zu sein.

Das unter Führung des Robert-Koch-Institutes vorgelegte Szenario hat prinzipiell alle Voraussetzungen für ein gutes Risikomanagement geschaffen. Das Risikomanagement hat danach eben nicht ausreichend funktioniert. Es erging der Analyse dem Anschein nach wie vielen Risikoanalysen und Beschreibungen von möglichen Szenarien: Sie werden – wenn überhaupt zur Kenntnis genommen – danach abgelegt, ohne die entscheidenden Schritte der Risikobewältigung anzugehen. Im Idealfall trägt Risikomanagement dazu bei, dass das erwartete Szenario gar nicht erst eintritt oder zumindest die Folgen des Eintritts reduziert werden.

Die Risikobewertung im Szenario zeigt folgendes Bild:

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Dem ganzen Szenario liegt eine Wahrscheinlichkeit von C entsprechend „bedingt wahrscheinlich“ zu Grunde. Die einzelnen Risiken (Schadensparameter) wurden nicht in ihrer Wahrscheinlichkeit bewertet. Eintrittswahrscheinlichkeits-Klassen sind wie folgt definiert.

A: sehr unwahrscheinlich
ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von über 10.000 Jahren eintritt

B: unwahrscheinlich
ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 1.000 bis 10.000 Jahren eintritt

C: bedingt wahrscheinlich
ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren eintritt

D: wahrscheinlich
ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 10 bis 100 Jahren eintritt

E: sehr wahrscheinlich
ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 10 Jahren oder häufiger eintritt

Die Schadensausmaß-Klassen sind für einzelne Schadensparameter unterschiedlich beschrieben. A ist immer der niedrigste Schaden, E der höchst mögliche. Am Beispiel der Auswirkungen auf die private Wirtschaft werden die Unterschiede deutlich.

A:

Durch das Ereignis verursachte Kosten für die Privatwirtschaft können annähernd vollständig durch die betroffenen Unternehmen getragen werden. Es gibt keine über-regionalen Auswirkungen.

B:

Durch das Ereignis verursachte Kosten für die Privatwirtschaft können zum größten Teil durch die betroffenen Unternehmen getragen werden. Es gibt geringe überregionale Auswirkungen.

C:

Durch das Ereignis verursachte Kosten für die Privatwirtschaft haben einen überregionalen Umfang und ein Teil der betroffenen Unternehmen kann diese nicht aus eigener Kraft tragen. Kurz-bis mittelfristige Umsatzausfälle sind für die betroffenen Branchen bzw. Firmen zu erwarten. Einige Firmen gehen in die Insolvenz, weitere Firmen sind von Insolvenz bedroht; in einigen Branchen sind kurzfristige überregionale Auswirkungen (Zulieferfirmen) festzustellen.

D:

Durch das Ereignis verursachte Kosten für die Privatwirtschaft haben einen großen, überregionalen Umfang, und viele der betroffenen Unternehmen können diese nicht aus eigener Kraft tragen. Mittel-bis längerfristige Umsatzausfälle sind für die betroffenen Branchen bzw. Firmen zu erwarten. Zahlreiche Firmen gehen in die Insolvenz, weitere Firmen sind von Insolvenz bedroht; in einigen Branchen sind mittelfristige überregionale Auswirkungen (Zulieferfirmen) festzustellen. Der Bund ist gefordert, Wiederaufbau-programme zu fördern. Rezession droht.

E:

Durch das Ereignis verursachte Kosten für die Privatwirtschaft haben einen erheblichen, überregionalen Umfang, und ein Großteil der betroffenen Unternehmen kann diese nicht aus eigener Kraft tragen. Langfristige Umsatzausfälle sind für die betroffenen Branchen bzw. Firmen zu erwarten. Eine Vielzahl an Firmen geht in die Insolvenz, viele weitere Firmen sind von Insolvenz bedroht; in einigen Branchen sind bundesweite Auswirkungen (Zulieferfirmen) festzustellen. Die gesamte Volkswirtschaft gerät aufgrund des Ereignisses in eine Rezession, Konjunkturprogramme sind notwendig.

Die meisten Auswirkungen werden mit der höchst möglichen Stufe E bewertet. Bei dem Schutzgut „Mensch“ besagt die Schadensklasse E bei dem Schadensparameter „Tote“, dass mehr als 10.000 Tote erwartet werden.

Das Szenario in der medizinischen Versorgung beschreibt die Studie so:

„Die hohe Zahl von Konsultationen und Behandlungen stellt sowohl Krankenhäuser als auch niedergelassenen Ärzte vor immense Probleme. Die medizinische Versorgung bricht bundesweit zusammen. Die personellen und materiellen Kapazitäten reichen nicht aus, um die gewohnte Versorgung aufrecht zu erhalten. Der aktuellen Kapazität von 500.000 Krankenhausbetten(reine Bettenanzahl, von denen ein Teil bereits von anders Erkrankten belegt ist, die Bettenzahl ließe sich durch provisorische Maßnahmen leicht erhöhen) stehen im betrachteten Zeitraum (1. Welle) mehr als 4 Millionen Erkrankte gegenüber, die unter normalen Umständen im Krankenhaus behandelt werden müssten. Der überwiegende Teil der Erkrankten kann somit nicht adäquat versorgt werden, so dass die Versorgung der meisten Betroffenen zu Hause erfolgen muss. Notlazarette werden eingerichtet. Auch im Gesundheitsbereich kommt es zu überdurchschnittlich hohen Personalausfällen (z.B. aufgrund erhöhter Ansteckungsgefahr, psycho-sozialer Belastungen) bei gleichzeitig deutlich erhöhtem Personalbedarf. Arzneimittel, Medizinprodukte, persönliche Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel werden verstärkt nachgefragt. Da Krankenhäuser, Arztpraxen und Behörden in der Regel auf schnelle Nachlieferung angewiesen sind, die Industrie die Nachfrage jedoch nicht mehr vollständig bedienen kann, entstehen Engpässe. Aufgrund der hohen Sterberate stellt auch die Beisetzung der Verstorbenen eine große Herausforderung dar (Massenanfall an Leichen, Sorge vor Infektiosität).“

Die sogenannten Risikoanalysen im Bevölkerungsschutz wurden seit 2012 bis 2018 jährlich erstellt. Folgende Risikoanalysen wurden seit 2012 durchgeführt:

  • Extremes Schmelzhochwasser aus den Mittelgebirgen (2012)
  • Pandemie durch Virus Modi-SARS (2012)
  • Wintersturm (2013)
  • Sturmflut (2014)
  • Freisetzung radioaktiver Stoffe aus einem Kernkraftwerk (2015)
  • Freisetzung chemischer Stoffe (2016)
  • Rückblick auf die bisherigen Analysen (2017)
  • Dürre (2018)

Für 2019 war im Archiv der Dokumente des Deutschen Bundestages im Internet keine Risikoanalyse zu finden.

In dem Rückblick aus 2017 wir die Pandemie in einer vergleichenden Darstellung zum Schadensausmaß bezogen auf den Schadensparameter „Verletzte/Erkrankte“ mit 78 Millionen am kritischsten bewertet.

Im Bundestag wurden diese Analysen in den letzten Jahren maximal in den zuständigen Ausschüssen beraten. Immer wieder wird sich auf die Zuständigkeit der Länder, Landkreise und kreisfreien Städte für den Katastrophenschutz bezogen.

Hier findet man die oben angesprochenen Dokumente mit der entsprechenden Suche.

Was hätte man besser machen können?

Die Einschätzung und Bewertung der Risiken erscheinen korrekt. Allerdings, wenn ein Risiko in hundert Jahren einmal zum Problem wird, dann heißt das nicht, dass es 100 Jahre dauern muss, bis es tatsächlich eintritt. Es kann genauso gut in den nächsten Sekunden passieren. Ungewöhnlich erscheint in der Risikoanalyse, dass die einzelnen Risiken nicht in ihrer Wahrscheinlichkeit bewertet wurden.

Und die Auswirkungen (Schadensausmaß) einer Pandemie wurden in der Analyse (Seite 56) bis auf die Umweltbelastung mit E, der höchst möglichen Bewertung versehen. Die Wahrscheinlichkeit mit der mittleren Bewertung (bedingt wahrscheinlich). Wenn man die jeweiligen Kategorien A bis E mit Zahlen von 1 bis 5 versieht und den Gesamtrisikowert berechnet (Risikowert = Wahrscheinlichkeit x Auswirkung) dann kommt man auf einen Risikowert von 3 x 5 = 15 bei einem möglichen Maximalert von 25. Es gibt nur noch drei höhere Stufen 16, 20 und 25. Es erscheint leichtfertig ein solch hohes Risiko so wenig beachtet zu haben. Im Risikomanagementplan sollten Risiken in Kategorien eingestuft und Handlungsempfehlungen im Umgang ihnen festgelegt werden.

Eine Risikoanalyse und ein Szenario, das den Katastrophenfall beschreibt, sind noch kein Risikomanagement. Risikomanagement darf sich nicht auf die Analyse von Risken beschränken, es ist dagegen ein klar definierter Prozess mit klar definierten Schritten, der immer wieder neu durchlaufen werden muss. In den seit Jahren veröffentlichten Risikoanalysen wird dieser Prozess ähnlich beschrieben aber offensichtlich nicht konsequent angewendet.

Während der Planung für die Verhinderung des Eintritts eines befürchteten Szenarios oder der Minderung seiner Folgen sollte man

  • das Risikomanagement planen
  • die Risiken identifizieren und gut beschreiben. Das bedeutet festzuhalten, was passieren kann und welche Auswirkung das Ereignis hat, wenn es eintritt.
  • eine qualitative Risikoanalyse durchführen und damit eine Rangliste der Risiken erstellen.
  • eine quantitative Risikoanalyse durchführen, welche die Kosten der Risiken ermittelt
  • die Risikobewältigungsmaßnahmen planen und danach
  • die Risikobewältigungsmaßnahmen auch durchführen.

Während der Überwachung und Steuerung sollte man

  • die Risiken steuern, also ständig beobachten ob das Risiko eintritt, wie die Maßnahmen wirken und ob neue Risiken entstehen.

risikoprozess

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten der Risikobewältigung:

  • Man reduziert die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Risikos oder
  • man reduziert die Auswirkung des Risikos

Meist wird man beides gleichzeitig versuchen, allerdings gibt es Ereignisse auf deren Wahrscheinlichkeit man wenig oder keinen Einfluss hat. Hier kann man nur versuchen die Auswirkung zu reduzieren.

Der erste Schritt beim Nachdenken darüber, wie man mit Risiken umgeht ist eine Strategie für ihre Behandlung festzulegen. Der zweite Schritt ist es, die taktische Maßnahme passend zur Strategie auszuwählen. Der dritte ist zu tun, was man geplant hat. Der vierte ist zu beobachten, ob die Maßnahmen funktionieren.

Vier mögliche Strategien gegen Bedrohungen (Risiken) stehen zu Verfügung:

Die Vermeidung

bei der Vermeidung versucht man mit geeigneten Maßnahmen die Bedrohung vollständig auszuschalten – d. h. die Wahrscheinlichkeit auf null zu reduzieren – um das gesamte Projekt vor ihren Auswirkungen zu schützen.

Die Übertragung

Hier verlagert man die Auswirkung einer Bedrohung zusammen mit der Verantwortung für deren Bewältigung auf eine dritte Partei, von der man glaubt, dass sie damit besser umgehen kann. Damit wird es aber noch nicht beseitigt. Mit der Übertragung des Risikos sind meist auch Zahlungen an Dritte verbunden, sogenannte Risikoprämien. Diese Strategie ist besonders wirksam bei finanziellen Risiken.

Die Minderung

Wenn man diese Strategie auswählt, versucht man immer die Eintrittswahrscheinlichkeit oder die Auswirkung des Risikos zu reduzieren. Im Gegensatz zur Vermeidung des Risikos, geht man aber davon aus, dass die Reduzierung der Wahrscheinlichkeit auf null mit der Maßnahme nicht gelingen kann. In einzelnen Fällen macht man auch beides gleichzeitig: Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkung reduzieren. Dabei sollte man darauf achten, dass die Kosten für die Minderung nicht höher sind als die Kosten des Risikos selbst.

Die Strategie der Minderung wird beim Risikomanagement am häufigsten ausgewählt. Wenn sie früh genug angegangen und auch tatsächlich wie geplant ausgeführt wird, ist sie meist preiswerter als eine Problemlösung nach Eintritt des Risikos. Wichtig dabei ist und bleibt, dass jede neue Aktivität, die aus einer Maßnahme zur Minderung des Risikos resultiert, wieder auf neue Risiken geprüft wird und ermittelt wird, wie stark sie das Risiko mindern kann.

Die Akzeptanz

Bei der Wahl dieser Strategie entscheidet man sich dafür, das Risiko einzugehen. Die Feststellung lautet: „Wir kennen das Risiko und wir akzeptieren es“. Diese Strategie wird oft angewandt, wenn es sich um ein relativ kleines Risiko handelt oder es nicht möglich oder wirtschaftlich sinnvoll ist das Risiko anders anzugehen. Die Konsequenz davon ist, dass man den Plan nicht ändern wird.

Oft vergessen wird an dieser Stelle, dass man auch darüber nachdenken muss, was zu tun ist, wenn das Risiko tatsächlich eintritt, also ein Problem entstanden ist und alle bisherigen Maßnahmen nicht ausreichend gewesen sind. Dafür entwickelt man die Notfallpläne oder auch den sogenannten „Plan B“. Im Fall der Pandemie hat sich gezeigt, dass für einige eingetretene Probleme keine Notfallpläne vorhanden waren. Wenn man erst nach dem Eintritt eines Problems seinen Notfallplan entwickelt verliert man meist viel wertvolle Zeit.

Im Fall des obigen Szenarios ist man bis zum dritten Schritt der qualitativen Risikobewertung gekommen. Ob Risikobewältigungsmaßnahmen geplant wurden bleibt unbekannt, tatsächlich durchgeführt wurden sie nicht, wie man z. B. an dem Mangel von Atemschutzmasken und Schutzbekleidung leicht feststellen kann. Nach der Analyse und Bewertung der Risiken aber, muss man einfach weiter machen mit dem Risikomanagement und nicht aufhören. Leider passiert das zu oft und meist. Risikomanagement kostet Geld. Viele vergessen aber, dass Problemlösungen oft mehr Geld kosten. Im Bundestag hätte man dieses Szenario beraten sollen, danach die Regierung mit der Entwicklung von Risikobewältigungsmaßnahmen beauftragen sollen und deren Durchführung kontrollieren müssen.

So hätte man schon mit der Kenntnis des Szenarios vor Jahren die benötigte Menge an Schutzbekleidung, Schutzmasken, Beatmungsgeräten, Notfallversorgung, Desinfektionsmittel etc. bevorraten können. Dann brauchte man sich jetzt nicht zu beklagen, dass sie nicht geliefert werden. Aber das hätte ja Geld gekostet und jetzt ist alles viel teurer, nicht nur die Schutzmasken, sondern auch die Auswirkung dessen, dass man sie nicht genügend hat. Auch hätten Firmen grundsätzlich ihre Lagerbestände für solche Szenarien anpassen können. Ein „Notstandsgesetz“ – nicht nur für den Kriegsfall – auch für Pandemien hätte entstehen können, in dem alles das, was man jetzt schnell und ohne große Beratungen beschlossen hat, festgeschrieben hätte sein können.

Unverständlich und geradezu verwirrend für die Bevölkerung erscheinen die Maßnahmen, die einzelne Bundesländer, Landkreise oder Städte und Gemeinden unkoordiniert und oft ohne demokratische Legitimierung durchführen. Viren kennen keine Grenzen. Regelungen zur Reduzierung des Ansteckungsrisikos müssen bundesweit, wenn nicht so gar für ganz Europa gleichermaßen gelten.

Szenario

Ein Szenario allein ist auch noch keine Beschreibung eines Risikos. In der Methodik des Risikomanagements geht man in drei Schritten vor:

  • Beschreibung der katastrophalen Folgen
  • Welches Szenario hat zu diesen katastrophalen Folgen geführt
  • Welche Grundursachen haben zu dem Szenario geführt

Letzteres sind dann die Risiken. Die einfache und mehrfach gestellte Frage „Warum?“ führt dann letztlich zur Grundursache

Im jetzigen Pandemiefall scheint es das Verzehren von Wildtieren vom Markt in Wuhan gewesen zu sein. Hätte man nicht in den Jahren seit 2012 dafür sorgen können, dass das in der Welt verboten und unter Strafe gestellt wird? Auch das ständig engere Zusammenleben von Menschen und Wildtieren in einigen Regionen der Welt führt – wie schon lange bekannt – zur Übertragung von gefährlichen Viren auf den Menschen. Frühzeitige Alarmsysteme hätten eingerichtet werden können. und vieles mehr, wenn man sich früh genug damit beschäftigt.

Das ist in kleinen privaten Projekten nicht anders als in einem großen Projekt oder bei der Verhinderung einer Pandemie: Die Methodik und die Prozesse des Risikomanagements gelten in allen Fällen. Man muss immer das gleiche machen, nur machen muss man es.

Leider wurde der Katastrophenschutz in Deutschland nach 1990 zunehmend reduziert. Das betrifft nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch die Energieversorgung. Meine Hoffnung ist, dass die Situation jetzt zu einem Umdenken führt. Und wir sind in Deutschland noch weitaus besser aufgestellt sind als in vielen anderen Ländern der Welt. Dennoch ist das keine Entschuldigung für das Unterlassen von einfachen und effektiven Vorsorgemaßnahmen im Rahmen des Katastrophenschutzes. Ein Pandemieplan, der keine Maßnahmen zur Risikobewältigung – bevor das Problem eingetreten ist – enthält ist wenig wert.

Auch nach dem jetzt wahr gewordenen Eintritt des befürchteten Szenarios scheint eine Grundregel des Risikomanagements, nach der eine Risikobewältigung nicht mehr kosten sollte als das Risiko selbst, nicht betrachtet oder bewertet zu sein. Wie hoch ist der Schaden, der durch die jetzt getroffenen Maßnahmen entsteht? Wie hoch wäre er mit alternativen Maßnahmen? In der Pandemie-Krise zeigt sich wie teuer die Bewältigung einer Krise werden kann. Wie viel hätte gutes Risikomanagement gekostet?

Natürlich führt das sehr schnell zu ethischen Fragen. Wie bewertet man Menschenleben und anderes Immaterielles im Vergleich zum wirtschaftlichen Schaden? Hinterher und wenn alles vorbei ist, weiß man natürlich mehr. Das ist das Problem der Unsicherheit.

Wird man in der Politik in der Lage sein eine Exzellenz im Risikomanagement zu erreichen? Das ist nur möglich über ein Training, das zu mehr Erfahrung führt. Die Erfahrung ist dann wieder die Quelle für eine Risikomanagement-Kompetenz und bringt nachhaltige Wettbewerbsvorteile hin bis zur strategischen Kompetenz, mit der man die Stufe der Exzellenz erreichen kann.

Der weltweite Virus könnte vor allen Dingen die hochentwickelten Länder wieder lehren, dass weder alle Lebensrisiken ausgeschaltet werden können, der Staat für die Menschen nicht das Denken übernehmen, noch der Tod abgeschafft werden kann.

Ergänzung am 14.4.2020

Übrigens bewahrheitet sich gerade meine Beobachtung, warum Risikomanagement in unserer Kultur nicht  besonders beliebt ist: Menschen, die Probleme lösen steigen in Anerkennung und Bewunderung. Schauen Sie sich die aktuellen Umfragen zur Sonntagsfrage an!

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Menschen dagegen, die versuchen Probleme oder auch Krisen zu verhindern, werden als die Nörgler und Pessimisten angesehen. In der Folge, werden Maßnahmen, die zur Vermeidung von Problemen oder ihrer Reduzierung führen nicht durchgeführt.

Hier gibt es mehr zum Thema.

Volker Gottwald

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